Unkonventionell ist das neue Normal ­− Kreativbranche im Wandel der Zeit

Die Bio von Markus Vogelbacher, Gründer und Geschäftsführer von INTERNATIONAL FILM PARTNERS (IFP) liest sich, als ob sie ausreichend Stoff für mindestens einen Blockbuster bietet: Kfz-Mechaniker, Journalist, Producer, Cutter, Unternehmer, Mitglied der Geschäftsleitung eines Konzerns, Gründer, Corporate Finance Strukturierer, M&A Berater, hält einen MBA in General Management und ist Produzent sowie Dozent. Im Gespräch fragen wir ihn zu den Themen, die uns immer interessieren − Leadership, Transformation und dem Menschen hinter der Bio.

Im Talenthelden-Talk: Markus Vogelbacher

Talenthelden: Markus, du sagst selbst, dein CV ist unkonventionell, würdest du dich bzw. deinen Arbeits- und Führungsstil in deinen heutigen Positionen auch als unkonventionell bezeichnen?

Markus: Nein, ich denke, mein Stil ist nicht unkonventionell nach aktuellen Kriterien. Allerdings war ich früh ein Fan von positiver Bestärkung, fairem Feedback in beide Richtungen und Eigenverantwortung im Team. Dafür brauchst du aber auch eine Mannschaft, die das trägt und nicht jeder lässt sich dorthin entwickeln. Momentan sind wir – coronabedingt in kleinerem Team – sehr gut aufgestellt und auch wieder gut gender-balanced.

Talenthelden: In deinem Job als Gründer und CEO von IFP begleitest und befähigst du andere bei besonderen Herausforderungen – von Business Development bis hin zu M&A. Was sind die größten Herausforderungen vor denen die Kreativ-/Filmproduktionsbranche aktuell steht?

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Markus: Unsere Kunden sind in der Regel Unternehmen der Kreativwirtschaft, also Produktionsunternehmen, Dienstleister, aber auch Entwickler, Programmierer und Agenturen. Meine Kunden sind in der Regel exzellent in dem was sie am Markt anbieten mit hoher Fachkompetenz im Kernprozess. So wie mein Lebenslauf sind oft auch die Geschichten meiner Kunden oft an konkreten Chancen gewachsen. Wir kommen dann ins Spiel, wenn eine Herausforderung den Entscheider vom Tagesgeschäft, mit dem er Geld verdient, abhält. Das kann ein großes Thema, wie Unternehmensnachfolge, also Verkauf des Unternehmens sein. Oftmals sind es aber die nervigen Dinge, die man als Unternehmer schon selbst könnte, wenn man die Zeit dafür hätte. Klassischerweise betreffen das eben Themen der Geschäftsentwicklung, also der systematischen oder operativen Schaffung von neuen Marktchancen. So gründen wir Tochtergesellschaften, führen digitale Lösungen ein oder nehmen die Mannschaft mit in eine neue Ausrichtung des jeweiligen Unternehmens.

Globalisierung, Digitalisierung, Shortage of Skills, Policy Changes & Marktsegmentierung

Talenthelden: Was braucht es deiner Meinung nach, um die Challenges deiner Branche zu meistern? Was sind die Key Ingredients für langfristig nachhaltigen Erfolg, der mehr als „nur überleben“ ist?

Markus:
Perspektivwechsel! Als Entscheider steckt man oft in einer Blase, manchmal auch recht einsam, ohne echtes Feedback. Wir bieten Plattformen, um Austausch zu schaffen und einen Blick von außen zu erhalten. Das ist meine persönliche Hauptaufgabe beim Kunden: Strategien zu hinterfragen, Logikbrüche zu erkennen und dann – das ist wohl der eigentliche Job – Lösungsangebote zu liefern. Oftmals geht es auch um den angestrebten Wertemaßstab, also die Referenz oder Benchmark. Auf die Frage „War der Film XY ein erfolgreicher Film?“ wird der Investor, der Regisseur, der Zuschauer und der Kritiker eine jeweils eigene Antwort haben, die sehr oft nicht deckungsgleich sind. Die Bewertung immaterieller Werte, aber eben auch Strategien und Ideen, mit Hilfe etablierter Verfahren ist unsere Spezialität. Die interessanteste Perspektive muss ja einsortiert und letztlich bewertet werden. Als Betriebswirte ist unsere Aufgabe Effizienz zu schaffen.

Talenthelden: Gemäß einer Deloitte-Studie wird der Kreativwirtschaft (längerfristig) eine Rolle als Motor für Wirtschaftswachstum prophezeit − Wachstum bis 2030 um 40 %, mehr als 8 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze in den 9 untersuchten Volkswirtschaften. Wie sollten sich „Mitspieler“ heute aufstellen, um morgen noch dabei zu sein oder zeigen Ereignisse wie Pandemie, Krieg und super-schnelle technologische Entwicklungen, dass es mehr auf Agilität statt Vorausdenken/-planen ankommt?

Markus: Es stimmt, dass der Medienbranche insgesamt eine immer wichtigere Rolle zukommt und audiovisuelle Kommunikation in quasi allen Lebens- und Geschäftsbereichen unverzichtbar ist. Hätte die Ukraine diese Unterstützung erfahren ohne die Medienpräsenz? Werden Wahlen von Social Media beeinflusst oder ganze Regime gestürzt? Wie erreiche ich meine Mitarbeiter in großen Unternehmen, die nicht nur an verschiedenen Standorten, sondern auch immer mehr von Zuhause arbeiten? Nur mit AV-Medien können emotionale Kommunikation und Entscheidungsbeeinflussung erzeugt werden.

Talenthelden: Wenn du in die Zukunft deiner Branche schaust, was siehst du? Wohin geht die Reise? Nur noch Millenials, die mit TikToks und YouTube Millionen verdienen?

Markus: Ich persönliche sehe keine Marktfragmentierung durch Influencer. Das ist eine interessante Randerscheinung, aber makroökonomisch spielt sie für Kreativwirtschaft kaum eine Rolle. Durch Technologien wird der Markt in westlichen Ländern weiter demokratisiert. Global betrachtet müssen wir aber schon unterscheiden, ob wir über marktwirtschaftliche oder autoritär gesteuerte Rahmenbedingungen sprechen. Ungefähr die Hälfte der Menschheit folgt nicht westlichen Moralstandards, darunter auch große Demokratien, wie Indien.
Nur weil Prozesse schneller werden, spart man keine Zeit. Nur weil Produkte einfacher zugänglich werden, verändern sich keine Märkte. Die Wahrheit ist meist viel komplexer. Aus meiner Sicht rückt das Individuum mehr ins Zentrum. Die Werbung um Fachkräfte meint ja letztlich nicht irgendjemanden. Ein Unternehmen möchte eine Klientel mit klaren Eigenschaften und Fähigkeiten erreichen. Marktangebote richten sich nicht an wünschenswerten Lösungen, sondern an mit Kaufkraft unterlegten Bedürfnissen aus. Der Wunsch nach fairem und nachhaltigem Verhalten setzt sich global durch. Die Frage wird also sein, wie kann man die 17 Nachhaltigkeitsziele der UNO auf das Individuum herunter brechen. Wer das unter einen Hut bringt, hat aus meiner Sicht die erfolgreichsten Aussichten im Wettbewerb.

Sinn des Lebens gewinnt an Bedeutung

Talenthelden: Gibt es etwas, was du zu gern noch loswerden möchtest, wir aber noch nicht gefragt haben?

Markus: Der Sinn des Lebens, also warum tue ich etwas, gewinnt insgesamt an Bedeutung. Besitz wird Nutzen untergeordnet. Leider folgt nicht die ganze Welt westlichen Überlegungen bezüglich Standards und Gerechtigkeit. Und leider gibt es meistens keine einfachen Antworten auf ungelöste Fragen. Wenn man jeden Tag als Herausforderung annimmt, entsteht ein gewisser Gamification-Effekt. Damit versuche ich persönlich meinen Sinn im Leben jeden Tag in Aktion umzusetzen und erfreue mich an kleinen Erfolgen ohne dem zwangsläufig auch enthaltenen Scheitern zu viel Aufmerksamkeit zu gönnen. Produktiver Realismus statt optimistischer Idealismus.

Talenthelden: Welche Erfahrungen hast du in deinem persönlichen Arbeitsalltag gemacht? Vor, während und nach Corona? Welche physische Arbeitsumgebung hat auf dein Wohlbefinden welchen Einfluss?

Ann Sophie: Spannende Frage. Tatsächlich habe ich es mir zuhause wirklich gemütlich gemacht, in meinem ganz persönlichen „Office Jungle“. Dort fällt es mir leicht, mich zu konzentrieren und ich schätze es nun, da ich wieder teilweise im Büro arbeite, sehr wert, dass ich zuhause komplett visuell und akustisch ungestört arbeiten kann. Auch die kleinen Pausen zwischendrin und ab und zu ein kurzes Schläfchen nach dem Mittagessen tun mir sehr gut. Ganz ohne moralischen Support lief es aber auch nicht gut, daher habe ich gemeinsam mit anderen Doktorandinnen eine Zoom Gruppe, die gemeinsam 8:30 Uhr mit dem Arbeiten startet. Zudem möchte ich betonen, dass ich in einer privilegierten Situation arbeiten darf. Viele haben weder die Abgetrenntheit noch die Ruhephasen in ihrer Heimarbeitssituation und müssen deutlich mehr Rollen gleichzeitig meistern.

10 Rapid Fire Questions

  1. Bei “Digitalisierung” denkst du zuerst an … Faxgeräte in deutschen Verwaltungen
  2. Bei “Transformation” denkst du zuerst an … positive Energie, weil Veränderung Stabilität bedeutet
  3. Bei “Netzwerk” denkst du zuerst an … an Zugang zum Blick auf mich von aussen
  4. Vinyl oder Spotify? Klavier
  5. Drama oder Science Fiction? Action und Romantic Comedies
  6. Tee oder Kaffee? Kommt drauf an. Morgens Kaffee schwarz, ab mittags Tee
  7. Lieblingsreiseziel? Italien
  8. Letzte Google-Suche: Baumschulen in München
  9. Was schaust du gerade? NTV
  10. Film, den jeder gesehen haben sollte? Weißbier im Blut

Dankeschön Markus, für deine Zeit sowie die spannenden Ein- und Ausblicke.

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THE FUTURE OF WORK IS NOW

Ann Sophie Lauterbach ist seit Oktober 2020 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Future of Work Lab Konstanz tätig und arbeitet zudem im Projekt „Digitalisierung, Automatisierung und die Zukunft der Arbeit in postindustriellen Wohlfahrtsstaaten“ am Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“. Im Talenthelden-Interview teilt sie Insights sowie Expertenwissen und gibt zudem Empfehlungen, wie sich Organisationen aufstellen sollen, um fit für die Zukunft zu sein.

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WHAT THE GIG? WIE GIG MINDSETTERS ENGAGEMENT STEIGERN.

Damit Organisationen in einem sich schnell und ständig verändernden Umfeld erfolgreich sein können, sind Flexibilität und eine Kultur des ständigen Lernens gefragt. Die Pandemie hat dies nur noch deutlicher gemacht. Gig-Mentalität hilft, wenn es darum geht, als Unternehmen proaktiv widerstandsfähig gegen Krisen zu sein. Doch woran erkennt man sie und wie lässt sich ein Gig-Mindset fördern?

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